Ein Hundeleben ist hier nicht viel wert. Auch wenn mir das bereits vor meiner Reise klar war, wird es mir nun auf schmerzhafte Weise bewusst.
Der erste Hund, den wir kurz hinter der rumänischen Grenze entdecken, liegt mitten auf der Straße – angefahren und achtlos liegen gelassen. Dieses Bild sagt viel über den Stellenwert von Straßenhunden in Rumänien aus. Es wird auch nicht der letzte Hund sein, den wir so sehen. Irgendwann höre ich auf zu zählen.
Straßenhunde in Rumänien – wie konnte es dazu kommen?
Die extreme Population an Straßenhunden lässt sich unter anderem auf die Zwangsumsiedlungen in den 1970er- und 1980er-Jahren zurückführen. In dieser Zeit wurden viele Haustiere ausgesetzt und vermehrten sich anschließend unkontrolliert.
Als wir beschließen, eine Reise nach Rumänien anzutreten, ist für mich sofort klar: Ich möchte diese Gelegenheit nutzen, um mich vor Ort für den Tierschutz zu engagieren.
Schon vor der Reise nehme ich Kontakt zu einer Tierschutzorganisation auf. Ich möchte einen Einblick in deren Arbeit bekommen, mehr über die Situation der Tiere erfahren und gleichzeitig Futter mitbringen.
Wir Westeuropäer haben oft die romantische Vorstellung, dass wir mit ein paar Adoptionen und etwas verteiltem Futter bereits viel bewirken können. Doch das Problem ist wesentlich komplexer, wie ich später durch Gespräche und auch am eigenen Leib erfahren werde.
Was mir schnell bewusst wird: Hunde haben in Rumänien vielerorts einen völlig anderen Stellenwert als bei uns.
Auch wenn die klassische Hundehütte bei uns aus den Vorgärten längst weitgehend verschwunden ist, gehört sie in Rumänien nach wie vor zum Alltag vieler Hunde.
Viele Tiere, die in den Dörfern dreckig und verwahrlost auf der Straße unterwegs sind, sind nicht einmal klassische Straßenhunde. Sie gehören jemandem – und werden trotzdem sich selbst überlassen.
Zwei Welten für Hunde
Bei unseren Erkundungstouren durch die Straßen fällt mir etwas auf: Die Hunde, die einen eher westlichen Lebensstil führen, gepflegt aussehen und Halsband sowie Leine tragen, sind meist Rassehunde.
Kaum einer dieser Hunde ist ein Mischling, wie wir sie aus dem Tierschutz häufig kennen. Hunde, die auf der Straße leben, werden dagegen von Teilen der Bevölkerung abgelehnt oder sogar verabscheut.
Es erweckt fast den Eindruck, als gäbe es eine Art Zweiklassengesellschaft unter den Hunden.
Wenn man online zum Thema Straßenhunde in Rumänien recherchiert, findet man schnell Hinweise wie:
Auf keinen Fall nähern, füttern oder gar anfassen.
Dass Hunde Krankheiten übertragen können, ist mir bewusst. Insbesondere Tollwut ist auch hier noch möglich und kann für Menschen gefährlich werden.
Trotzdem möchte ich mich dieser Situation aussetzen, um daraus ein Fotoprojekt zu entwickeln. Vielleicht kann ich die Bilder später nutzen, um auf den Tierschutz aufmerksam zu machen und so zumindest einen kleinen Beitrag zu leisten.
Innerhalb der Dörfer merke ich allerdings sehr schnell, dass ich mit dieser Idee auf extreme Ablehnung stoße. Nicht nur, weil die Hunde, die wie Straßenhunde wirken, häufig gar nicht herrenlos sind.
Deshalb beschränke ich mich schließlich auf Tiere, die wir außerhalb der Dörfer an Rastplätzen entdecken.
Ich habe keine Angst vor Hunden. Ich kann gut mit ihnen umgehen, ihr Verhalten einschätzen und entsprechend reagieren.
Eine Begegnung, die mir eine wichtige Lektion erteilt
Es beginnt harmlos.
Den ganzen Nachmittag halten wir an, sobald wir Hunde am Straßenrand sehen: anhalten, anlocken, fotografieren.
Etwas außerhalb entdecken wir auf einem Parkplatz zwei Hunde. Wir halten an und ich mache mich, bewaffnet mit etwas Futter und meiner Kamera, auf den Weg zu ihnen.
Die Hunde freuen sich über das Futter. Ich halte Abstand und schieße ein paar Bilder.
Doch plötzlich ist da ein dritter Hund.
Er hat offenbar schon einige Kämpfe hinter sich. Ihm fehlt nicht nur der Schwanz, sondern auch ein Auge.
Auch vor ihm habe ich keine Angst. Ich verteile etwas mehr Futter und schnell wird klar, dass der Neuankömmling hier das Sagen hat.
Und dann kommt eine ganze Meute.
Aus dem Nichts bin ich von mindestens sieben Hunden umringt. Um mich aus der Situation zu befreien, gebe ich das gesamte Futter auf und flüchte zurück in den Camper.
Doch dann passiert etwas, womit ich nicht gerechnet habe und was mir unendlich leidtut.
Die Hunde beginnen einen Machtkampf um das Futter, der laut wird und schließlich in einer Beißerei endet.
Das habe ich nicht gewollt. Ich habe es nicht kommen sehen. Und es tut mir unendlich leid.
Ich schäme mich für meine Naivität und kämpfe den restlichen Tag mit dem Gedanken, dass ich durch mein kopfloses Verhalten den Hunden nicht geholfen habe, sondern womöglich sogar dafür verantwortlich bin, dass ein Tier verletzt wurde.
Erst jetzt verstehe ich die Problematik und auch die damit verbundenen Gefahren richtig.
Später erfahre ich, dass es nicht ungewöhnlich ist, dass sich die Hunde zu solchen Rudeln zusammenschließen. Besonders im Winter, wenn die Tiere hungrig sind, kann es zu Konflikten und Übergriffen kommen. So dringen Hunde beispielsweise in Gärten ein und reißen dort Tiere wie Hasen oder Hühner.
Viele Menschen fühlen sich von diesen Rudeln bedroht und meiden die Tiere deshalb.
Was kann man gegen das Problem mit den Straßenhunden tun?
Doch was kann man tun, um die Situation langfristig in den Griff zu bekommen?
Die rumänische Regierung hat sich in der Vergangenheit unter anderem für die Tötung eingefangener Straßenhunde entschieden. Die Tiere werden eingefangen und in Stationen gebracht, wo sie verwahrt werden. Wenn innerhalb einer bestimmten Frist niemand kommt, um sie herauszuholen, werden sie getötet.
Vierzehn Tage warten auf den Tod, wenn niemand kommt, um sie zu retten.
Vor Kurzem hat Joyn eine Dokumentation zu diesem Thema veröffentlicht, die sich mit den dort dargestellten korrupten Strukturen und den Hintergründen des Systems beschäftigt.
Im Zusammenhang mit der Dokumentation wird auch die Frage thematisiert, welche finanziellen Interessen hinter diesem System stehen. Mir wird vor Ort ebenfalls von solchen Strukturen erzählt. Hinter vorgehaltener Hand höre ich sogar die Behauptung, dass Tiere absichtlich weiter vermehrt und ausgesetzt würden, damit das bestehende System erhalten bleibt.
Tierschutz in Rumänien: Es gibt Menschen, die wirklich helfen
Doch es gibt auch seriösen Tierschutz in Rumänien.
Es gibt Menschen, die es sich zur Lebensaufgabe gemacht haben, Tieren zu helfen. Einige von ihnen darf ich auf meiner Reise kennenlernen.
Etwas außerhalb von Bukarest liegt die „Island of Hope“, wie die Organisation Helping Animals Romania den sicheren Ort nennt. Dort leben zu diesem Zeitpunkt mehr als 300 Hunde.
Hier werden wir die rund 60 Kilogramm Futter abgeben, die wir mit unserem Camper nach Rumänien gebracht haben.
Ein Tropfen auf den heißen Stein, wie ich später erfahre: Die Menge reicht gerade einmal für etwa einen halben Tag.
Miriam, die meine Kontaktperson vor Ort ist, nimmt mich in Empfang.
Die Auffangstation ist so voll, dass die kleinsten Hunde sogar in den Zimmern der Volontär untergebracht sind.
Hier werden die Tiere gut behandelt. Bis auf die Neuankömmlinge haben alle einen Namen. Sie sind gut genährt, geimpft, gechipt und kastriert. Außerdem bekommen sie mindestens einmal am Tag für wenigstens eine Stunde Auslauf im Hof.
Sieben Mitarbeiter kümmern sich fast rund um die Uhr um die Tiere. Sie füttern, reinigen, waschen und versuchen gleichzeitig, noch Zeit für ein paar Streicheleinheiten zu finden.
Seit Jahren beschäftige ich mich mit dem Thema Tierschutz, folge zahlreichen Tierschutzorganisationen in den sozialen Medien und kenne Bilder und Videos aus Sheltern und Auffangstationen.
Aber selbst vor Ort zu sein, macht etwas mit mir.
Was wirklich helfen könnte: Kastration und Aufklärung
Bevor wir zu den Tieren gehen, sprechen wir lange über das Shelter, den Arbeitsalltag, sinnvolle Maßnahmen und auch über die Joyn-Dokumentation.
Obwohl mir die Mitarbeiter vieles von dem bestätigen, was in der Dokumentation thematisiert wird, sind sie enttäuscht darüber, dass aus ihrer Sicht zu wenig sinnvoller und nachhaltiger Tierschutz gezeigt wird.
Anstatt hauptsächlich auf Skandale und Clickbaiting zu setzen, hätten sie sich gewünscht, auch andere Stimmen zu hören.
Eine Maßnahme wird währenden unserem Gespräch immer wieder besonders hervorgehoben: flächendeckende Kastration.
Was ich aus den Gesprächen mitnehme, ist die Überzeugung, dass die Gelder, die derzeit in die bestehende Tötungsmaschinerie fließen, wesentlich nachhaltiger in Aufklärung, Kastrationsprogramme und Prävention investiert werden könnten.
So ließe sich das Problem mit den Straßenhunden langfristig an der Ursache bekämpfen, anstatt immer wieder nur die Symptome zu beseitigen.
Auch die Dokumentation thematisiert die Frage, warum sich ein bestehendes System so schwer verändern lässt. Dabei werden finanzielle Interessen und mögliche Profiteure des Systems beschrieben.
Ein Besuch im Shelter
Ich möchte mir selbst ein Bild machen und einige Hunde kennenlernen.
Auch wenn meine Reichweite nicht besonders groß ist, möchte ich sie nutzen, um einzelne Tiere vorzustellen und vielleicht dabei zu helfen, ein Zuhause für sie zu finden.
Es ist laut, als wir durch die Hallen des ehemaligen Schlachthofgeländes gehen.
Sehr laut.
Miriam erklärt mir, dass das Shelter eigenständig aufgebaut wurde und sich vollständig durch Spenden finanziert. Unterstützung vom Staat gibt es für solche Einrichtungen nicht.
Die Halle ist durch Gitter in einzelne Zwinger unterteilt, in denen die Hunde in kleinen Gruppen zusammenleben.
Ich bin überfordert.
So viele Tiere. So viele Hunde. Und alle warten darauf, dass vielleicht irgendwann jemand kommt, sie sieht und ihnen eine Chance gibt.
In der zweiten Halle entdecke ich eine kleine Hündin.
Zwischen all den lauten Tieren, die sich an die Gitter drängen, fällt sie mir gerade deshalb auf, weil sie ruhig ist.
Sie versteckt sich nicht. Sie ist neugierig, gleichzeitig aber etwas schüchtern und zurückhaltend.
Sie ist sehr schmal und kommt ebenfalls zum Gitter, als ich meine Hand dagegen halte. Vorsichtig schnuppert sie daran und wedelt mit dem Schwanz.
Ich frage Miriam, ob ich zu ihr darf.
Ich gebe ihr und ihren Mitbewohnern einige der Snacks, die wir mitgebracht haben. Danach mache ich ein paar Aufnahmen von ihr.
Sie ist etwas unsicher, aber neugierig. Sie freut sich über die Aufmerksamkeit und lässt sich streicheln.
Ich verspreche ihr, dass ich ein Zuhause für sie finden werde und hoffe insgeheim, dass ich mein Versprechen halten werde.
Zu viele Hunde, zu wenige Chancen
Ich bin überfordert, als wir weitergehen. Tränen steigen mir in die Augen, weil ich mich angesichts all dessen, was ich gerade sehe, so hilflos fühle.
Wir machen weitere Fotos und Videos und stellen dabei einzelne Hunde vor.
Nach unserer Runde machen wir eine kurze Pause, weil Miriam noch die Katzen versorgen muss. Später möchte sie uns die ganz kleinen Welpen zeigen.
Wir haben uns entschieden, für einen der Welpen eine Namenspatenschaft zu übernehmen.
Während wir auf der Terrasse vor dem Shelter sitzen und warten, unterhalten wir uns mit einer der Volontärinnen. Sie ist erst seit kurzem hier und möchte insgesamt zwei Monate bleiben.
Gegen Kost und Logie kann man einige Wochen im Shelter verbringen und bei der täglichen Arbeit helfen. Aktuell sind drei Freiwillige vor Ort.
Ein tolles Projekt, wie ich finde.
Sie erzählt uns ein wenig über ihren Alltag und darüber, was diese Arbeit für sie so besonders macht.
Und dann sind die Welpen dran mit ihrer Hof-Freizeit.
Welpen im Shelter – klein, süß und trotzdem ohne sichere Zukunft
Die Hunde werden über den Tag verteilt in verträglichen Gruppen auf den Hof gelassen, damit sie Auslauf und Bewegung bekommen.
Es ist ein wildes Gewusel.
Plötzlich finde ich mich in einem Haufen voller tapsiger Fellknäuel wieder, die um meine Aufmerksamkeit und meine Snacks buhlen.
Miriam erklärt mir später, dass die wenigen Monate, in denen die Hunde klein und süß sind, ihre größten Chancen auf ein Zuhause bieten.
Die meisten Menschen möchten eben keinen erwachsenen Hund adoptieren.
Doch dieses Zeitfenster ist kurz – und es gibt einfach zu viele Tiere.
Fast täglich kommen neue Hunde hinzu. Sie werden teilweise einfach in Kartons vor dem Shelter ausgesetzt.
Sie erzählt mir auch von zwei Hunden, die vor zwölf Jahren als Welpen hierherkamen und die nie jemand adoptieren wollte.
Inzwischen ist das Shelter zu ihrem Zuhause geworden. Und vermutlich wird es das auch bis zu ihrem Lebensende bleiben.
Ich hoffe, dass ich für einige der Welpen helfen kann, dieses Schicksal abzuwenden.
Eine Hundemama und fünf Welpen
Nach einem kurzen Abstecher ins Kittenzimmer gehen wir nach oben.
Hier lebt eine Hündin, die vor Kurzem fünf Welpen bekommen hat.
Miriam erzählt mir, dass sie monatelang versucht hatten, die kleine Hündin einzufangen. Immer wieder wurde sie von Anwohnern gemeldet.
Sie konnte jedes Mal entkommen.
Irgendwann war sie jedoch so dick, dass sie sie schließlich erwischen konnten.
So konnte sie ihre Welpen sicher im Shelter zur Welt bringen.
Wir entscheiden uns für einen kleinen weißen Welpen und geben ihm den Namen Hermann.
Mit der Spende von rund hundert Euro bezahlen wir die medizinische Erstversorgung für den Welpen und dürfen ihm dafür einen Namen geben.
Die Kleinen sind bereits sehr aufgeweckt und aktiv. Auch wenn ihre Mutter uns genau beobachtet, lässt sie zu, dass wir die Welpen im Video vorstellen und mit ihnen spielen.
Drei Stunden sind wie im Flug vergangen und der Tag neigt sich langsam dem Ende zu.
Es wird Zeit für uns weiterzuziehen.
Wir machen noch ein paar Fotos vor dem Shelter und bedanken uns für alles.
Aufgewühlt von den vielen Eindrücken machen wir uns auf den Weg.
Was von dieser Reise bleibt
An diesem Abend schließe ich meine Tierschutzhündin Hannah besonders fest in die Arme und versuche, ihr all die Liebe zu geben, die viele der Tiere, die ich heute gesehen habe, vielleicht nie erfahren werden.
Ich schlafe mit dem Gedanken ein, dass ich helfen möchte.
Ich weiß zwar noch nicht wie. Aber ich werde es versuchen.
Wenn du Helping Animals Romania unterstützen möchtest, kannst du das beispielsweise direkt über deren Amazon-Wunschliste tun (Anzeige).
Auch Geld- oder Futterspenden können den Tieren helfen.


















So solltest du dich verhalten, wenn du auf Straßenhunde in Rumänien triffst
Wenn du während einer Reise durch Rumänien auf Straßenhunde triffst, solltest du einige wichtige Regeln beachten:
- Hunde nicht streicheln.
- Hunde nicht anfassen.
- Hunde nicht füttern.
- Abstand halten und die Tiere nicht bedrängen.
- Bei auffälligem oder aggressivem Verhalten die Situation sofort verlassen.
Auch wenn ein Hund freundlich wirkt, lässt sich sein Verhalten nicht immer zuverlässig einschätzen.
Nachhaltig aus dem Tierschutz adoptieren
Wenn du darüber nachdenkst, einen Hund aus dem Tierschutz zu adoptieren, informiere dich vorher gründlich über seriöse Tierschutzorganisationen.
Kaufe niemals Tiere über Kleinanzeigen. Damit kann der illegale Tierhandel unterstützt werden und gleichzeitig verschärft sich das Problem für die Tiere vor Ort.
Wenn du helfen möchtest, kannst du seriöse Tierschutzorganisationen mit Geld- oder Futterspenden unterstützen.
Noch wichtiger ist langfristige Hilfe: Unterstütze Organisationen, die sich in Rumänien für Kastration, Aufklärung und nachhaltigen Tierschutz einsetzen.
Denn wenn sich langfristig etwas verändern soll, reicht es nicht aus, einzelne Hunde zu retten.
Es muss verhindert werden, dass immer wieder neue Tiere geboren werden und auf der Straße landen.


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